Kieferchirurgie ist der Sammelbegriff für alle operativen Eingriffe am Kieferknochen, an den Zähnen und am umgebenden Weichgewebe. Wer den Begriff sucht, steht meist vor einer konkreten Überweisung: Ein Weisheitszahn muss raus, ein Implantat soll gesetzt werden, der Kieferknochen reicht nicht aus, oder eine Zyste wurde auf dem Röntgenbild entdeckt. Dieser Beitrag erklärt, was zur Kieferchirurgie gehört, wer sie ausübt, wie ein Eingriff abläuft und womit Sie an Kosten rechnen müssen.

Was ist Kieferchirurgie?

Kieferchirurgie beschreibt die chirurgische Behandlung von Erkrankungen, Verletzungen und Fehlbildungen im Bereich von Ober- und Unterkiefer. Der Begriff ist im Alltag verbreitet, in der offiziellen Weiterbildungsordnung taucht er allerdings nicht als eigene Bezeichnung auf. Es gibt in Deutschland keinen "Facharzt für Kieferchirurgie". Wer chirurgisch am Kiefer arbeitet, ist entweder Fachzahnarzt für Oralchirurgie oder Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Beide Wege führen zu unterschiedlich weiten Befugnissen.

Der Grund für diese Doppelstruktur ist historisch. Die zahnärztliche Chirurgie hat sich aus der Zahnheilkunde entwickelt und blieb dort verankert, während die Kieferchirurgie im engeren Sinn im 20. Jahrhundert zur Gesichtschirurgie erweitert wurde und ein medizinisches Fachgebiet mit eigener Facharztprüfung geworden ist. Für Patientinnen und Patienten ist das nur insofern relevant, als es erklärt, warum eine Überweisung mal beim Oralchirurgen und mal in einer Klinik landet.

Kieferchirurg, Oralchirurg oder MKG-Chirurg: wer macht was?

Die Suchanfrage nach dem Unterschied zwischen Oralchirurgie und Kieferchirurgie gehört zu den häufigsten rund um dieses Thema. Die folgende Übersicht ordnet die drei Rollen ein.

RolleGrundausbildungZusatzausbildungTypischer Aufgabenbereich
Zahnarzt mit chirurgischem SchwerpunktZahnmedizinFortbildungen, kein eigener TitelEinfache Extraktionen, kleine Eingriffe am Zahnfleisch
Fachzahnarzt für OralchirurgieZahnmedizin3 Jahre Weiterbildung, KammerprüfungWeisheitszähne, Implantate, Wurzelspitzenresektion, Knochenaufbau
Facharzt für MKG-ChirurgieZahnmedizin und Humanmedizin5 Jahre Weiterbildung, FacharztprüfungKieferfehlstellungen, Tumoren, Frakturen, Spaltchirurgie, Traumatologie

Kurz gesagt: Der Oralchirurg arbeitet im Mund, der MKG-Chirurg im gesamten Gesichtsschädel. Ein einzelnes Implantat setzen beide, eine Umstellungsosteotomie des Unterkiefers nur der MKG-Chirurg. Wenn Sie eine Überweisung in der Hand halten und unsicher sind, ob sie zum richtigen Fachgebiet führt, hilft ein Blick auf die Diagnose: Alles, was den Kiefer als Ganzes verlagert oder über die Mundhöhle hinausgeht, gehört in die MKG-Chirurgie, alles innerhalb des Zahnhalteapparats in die Oralchirurgie.

Was macht ein Kieferchirurg? Die häufigsten Eingriffe

Kieferchirurgische Eingriffe reichen von der Routine bis zur mehrstündigen Operation unter Vollnarkose. Diese Eingriffe machen den größten Teil des Alltags aus:

EingriffAnlassAufwand
Operative WeisheitszahnentfernungVerlagerte oder teilretinierte Achter, wiederkehrende Entzündung20–60 Minuten, ambulant
ImplantationErsatz einzelner oder mehrerer Zähne30–90 Minuten, ambulant
Knochenaufbau (Augmentation)Zu wenig Knochenvolumen für ein Implantat45–120 Minuten, ambulant
SinusliftZu geringe Knochenhöhe im Oberkiefer-Seitenzahnbereich60–90 Minuten, ambulant
WurzelspitzenresektionChronische Entzündung nach Wurzelbehandlung30–60 Minuten, ambulant
ZystektomieKieferzyste, oft Zufallsbefund im Röntgenbild30–90 Minuten, je nach Größe
Freilegung verlagerter ZähneEckzähne, die nicht durchbrechen30–45 Minuten, meist mit Kieferorthopädie
Lippen- und ZungenbandkorrekturZug am Zahnfleisch, Sprech- oder Stillprobleme10–20 Minuten

Ein großer Teil dieser Eingriffe ist chirurgische Vorarbeit für die Implantologie. Wer einen Zahn verloren hat und über festen Ersatz nachdenkt, kommt fast zwangsläufig mit der Kieferchirurgie in Berührung, weil das Knochenlager beurteilt und häufig erst aufgebaut werden muss. Der Beitrag zu Zahnimplantaten und die Übersicht zur Augmentation beschreiben diesen Weg im Detail.

Wie wird man Kieferchirurg? Ausbildung und Studium

Der Weg beginnt in beiden Fällen mit einem abgeschlossenen Zahnmedizinstudium, das in Deutschland rund fünf Jahre dauert und mit dem Staatsexamen und der Approbation endet. Danach trennen sich die Wege.

Für den Fachzahnarzt für Oralchirurgie folgt eine dreijährige Weiterbildung an einer von der Landeszahnärztekammer anerkannten Weiterbildungsstätte, davon mindestens zwei Jahre an einer Klinik oder in einer Praxis mit voller Weiterbildungsermächtigung. Abgeschlossen wird sie mit einer Prüfung vor der Kammer.

Für den Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie ist zusätzlich das Studium der Humanmedizin erforderlich. Beide Studiengänge lassen sich teilweise anrechnen, sodass in der Praxis etwa acht bis neun Jahre Studium zusammenkommen, gefolgt von fünf Jahren Facharztweiterbildung. Wer sich für Kieferchirurgie als Studium interessiert, sollte deshalb realistisch mit zwölf bis vierzehn Jahren bis zum Facharzttitel rechnen. Danach sind Schwerpunkte wie plastische Operationen oder orale Implantologie möglich.

Wie schreibt man "Kieferchirurg" richtig?

Die korrekte Schreibweise ist Kieferchirurg beziehungsweise Kieferchirurgie, mit "ch" und einem "r" in der zweiten Silbe von "chirurg". Häufige Falschschreibungen sind "Kieferchirugie", "Kieferchiruge" oder "Kiefernchirurgie" – Letzteres ist besonders naheliegend, weil man an den Plural "Kiefern" denkt, gemeint ist aber der Kiefer als Knochen, nicht der Baum. Auf Englisch heißt das Fachgebiet oral and maxillofacial surgery, ein Kieferchirurg ist ein oral and maxillofacial surgeon.

Wie ein kieferchirurgischer Eingriff abläuft

Vor jedem Eingriff steht die Diagnostik. Neben der klinischen Untersuchung gehört dazu in der Regel ein Röntgenbild, bei komplexeren Fällen eine digitale Volumentomographie, die den Knochen dreidimensional darstellt und die Lage von Nerven und Kieferhöhle sichtbar macht. Auf dieser Grundlage wird der Eingriff geplant und mit Ihnen besprochen, einschließlich Alternativen und Risiken.

Die meisten kieferchirurgischen Eingriffe finden ambulant unter örtlicher Betäubung statt. Sie sind währenddessen wach, spüren aber keinen Schmerz, sondern nur Druck und Vibration. Auf Wunsch oder bei ausgedehnten Eingriffen ist eine Sedierung, eine Behandlung unter Lachgas oder eine Vollnarkose möglich. Nach dem Eingriff wird die Wunde vernäht, Sie erhalten eine Kompresse zum Aufbeißen und eine schriftliche Verhaltensanweisung. Die Fäden werden nach sieben bis zehn Tagen entfernt.

Risiken, Heilung und Nachsorge

Kieferchirurgische Eingriffe gelten als sicher, sind aber Operationen mit den entsprechenden Risiken. Häufig und harmlos sind Schwellung, Blutergüsse und eine eingeschränkte Mundöffnung; die Schwellung erreicht ihren Höhepunkt typischerweise am zweiten bis dritten Tag und geht danach zurück. Seltener sind Nachblutungen, Wundinfektionen und die schmerzhafte Wundheilungsstörung nach einer Extraktion, die als Dolor post bezeichnet wird.

Die wichtigsten spezifischen Risiken hängen von der Lokalisation ab. Im Unterkiefer verläuft der Nervus alveolaris inferior nahe an den Wurzeln der Weisheitszähne; wird er gereizt, kann es vorübergehend zu einem Taubheitsgefühl an Lippe und Kinn kommen, das sich in den meisten Fällen zurückbildet. Im Oberkiefer grenzt die Kieferhöhle an, sodass bei Eingriffen in diesem Bereich eine Verbindung zur Kieferhöhle entstehen kann, die dann verschlossen wird.

Für die Heilung zählen wenige Dinge wirklich: kühlen am ersten Tag, körperliche Schonung, keine Hitze, kein Alkohol, weiche Kost und – am wichtigsten – Rauchverzicht. Nikotin verschlechtert die Durchblutung der Wundränder messbar und erhöht das Risiko für Wundheilungsstörungen und Implantatverluste deutlich.

Was kostet ein kieferchirurgischer Eingriff?

Medizinisch notwendige Eingriffe wie die operative Entfernung eines entzündeten Weisheitszahns, die Behandlung einer Zyste oder die Versorgung einer Fraktur werden von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Privat zu zahlen sind in der Regel Implantate und der dafür nötige Knochenaufbau, dreidimensionale Röntgendiagnostik ohne zwingende Indikation, Sedierung oder Vollnarkose auf Wunsch sowie Bohrschablonen und andere Zusatzleistungen.

Zur Orientierung: Eine operative Weisheitszahnentfernung liegt privat meist zwischen 150 und 400 Euro pro Zahn, ein Sinuslift zwischen 800 und 2.000 Euro, ein Implantat mit Krone je nach Aufwand zwischen 1.800 und 3.500 Euro. Verbindlich sind allein der Heil- und Kostenplan Ihrer Praxis und, bei Privatleistungen, die schriftliche Vereinbarung nach der Gebührenordnung für Zahnärzte. Lassen Sie sich diesen Plan vor dem Eingriff aushändigen und prüfen Sie ihn in Ruhe.

Häufige Fragen

Was macht ein Kieferchirurg genau?

Ein Kieferchirurg operiert an Kiefer, Zähnen und umliegendem Gewebe. Dazu gehören Weisheitszahnentfernungen, Implantate, Knochenaufbau, Wurzelspitzenresektionen, Zystenoperationen und – im Fall des MKG-Chirurgen – auch Kieferfehlstellungen, Frakturen und Tumoroperationen.

Ist Kieferchirurgie dasselbe wie Oralchirurgie?

Nein, aber die Begriffe überschneiden sich. Oralchirurgie ist ein zahnärztliches Fachgebiet und beschränkt sich auf die Mundhöhle. Kieferchirurgie wird umgangssprachlich für beides verwendet, meint fachlich aber meist die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, für die zusätzlich ein Medizinstudium nötig ist.

Tut ein kieferchirurgischer Eingriff weh?

Während des Eingriffs nicht, weil örtlich betäubt wird. Danach sind Wundschmerzen für zwei bis drei Tage normal und lassen sich mit den empfohlenen Schmerzmitteln gut kontrollieren. Nehmen Sie kein Acetylsalicylsäure-Präparat, weil es die Blutungsneigung erhöht.

Wie lange ist man nach einem Eingriff krankgeschrieben?

Bei einer einfachen Extraktion oft gar nicht, bei einer operativen Weisheitszahnentfernung meist ein bis drei Tage, bei größeren Eingriffen mit Knochenaufbau eine Woche. Nach einer Umstellungsosteotomie sind mehrere Wochen üblich. Die Entscheidung trifft die behandelnde Praxis individuell.

Brauche ich eine Überweisung zum Kieferchirurgen?

Für den Fachzahnarzt für Oralchirurgie nicht zwingend, in der Praxis kommt der Kontakt aber fast immer über die Hauszahnarztpraxis zustande, weil dort die Diagnose gestellt wird. Für die MKG-Chirurgie in einer Klinik ist eine Überweisung der Regelfall.

Was ist der Unterschied zwischen Kieferchirurgie und Kieferorthopädie?

Die Kieferchirurgie operiert, die Kieferorthopädie verschiebt Zähne und Kiefer mit Spangen und Alignern ohne Skalpell. Bei ausgeprägten Fehlstellungen im Erwachsenenalter arbeiten beide zusammen: Erst wird kieferorthopädisch vorbereitet, dann chirurgisch verlagert, danach fein eingestellt.

Kann man einen kieferchirurgischen Eingriff unter Vollnarkose machen lassen?

Ja. Bei ausgedehnten Operationen, mehreren Weisheitszähnen gleichzeitig, ausgeprägter Behandlungsangst oder bei Kindern ist eine Vollnarkose sinnvoll. Sie wird von einer Anästhesistin oder einem Anästhesisten durchgeführt und ist bei rein wunschbedingter Anwendung eine Privatleistung.

Wie finde ich einen guten Kieferchirurgen?

Achten Sie auf den geführten Titel – "Fachzahnarzt für Oralchirurgie" oder "Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie" sind geschützt, "Kieferchirurg" allein ist es nicht. Gute Praxen nehmen sich Zeit für die Aufklärung, zeigen Ihnen die Bildgebung, benennen Alternativen und drängen nicht zu einer schnellen Entscheidung.

Fachlich geprüft: Der Beitrag wurde von einer Zahnärztin bzw. einem Zahnarzt des Netzwerks Leading Implant Centers auf fachliche Richtigkeit geprüft.

Quellen

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