Für viele Eltern ist es zunächst ein Schock: Beim Vorsorgetermin oder direkt nach der Geburt heißt es, das Kind habe eine Spalte im Gesicht. Die gute Nachricht vorweg: Sie ist heute sehr gut behandelbar. Nach mehreren geplanten Eingriffen und einer Begleitung über Jahre essen, sprechen und lachen die allermeisten Kinder unauffällig. Hier erfahren Sie, wie eine Spalte entsteht, welche Formen es gibt, wann operiert wird und was später aus Zahnlücken im Spaltbereich wird.
Was ist eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte?
Bei einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte sind Lippe, Kiefer und Gaumen in der frühen Embryonalzeit nicht zusammengewachsen. Zurück bleibt eine Trennlinie, die vom Lippenrot bis weit nach hinten reichen kann. Beim Neugeborenen fällt sie sofort auf, weil das Gewebe von Lippe, Kiefer und Gaumen an dieser Stelle nicht verschmolzen ist. Betrifft der Spalt nur den Gaumen, spricht man von einer isolierten Gaumenspalte. Im internationalen Sprachgebrauch heißt das Krankheitsbild cleft lip and palate; in deutschen Kliniken kürzt man das Krankheitsbild als LKGS ab. In der englischsprachigen Fachliteratur finden Eltern dieselben Empfehlungen unter „standards of care for oral clefts".
Zur Sprache: Der Begriff „Hasenscharte" ist veraltet und wird von Betroffenen zu Recht als abwertend empfunden. Ebenso überholt ist die Bezeichnung der Gaumenspalte als Wolfsrachen. Sprechen Sie einfach von einer Spalte, wie es die Behandlungsteams tun.
Verschiedene Spaltformen: von der kleinen Kerbe bis zur durchgehenden Spalte
Nicht jede Spalte sieht gleich aus:
- Lippenspalte: Betroffen ist nur die Oberlippe, manchmal nur unvollständig als kleine Kerbe seitlich der Mittellinie. Solche Lippenspalten sind die mildeste sichtbare Form.
- Lippen- und Kieferspalte: Zusätzlich ist der Kieferkamm im Bereich der Schneidezähne gespalten.
- Durchgehende Spalte: Alle drei Bereiche sind gemeinsam betroffen. Sie tritt einseitig oder beidseitig auf; eine doppelseitig ausgeprägte Form trennt die Oberlippe an zwei Stellen.
- Spalte nur im Gaumen: Lippenrot und Kieferkamm sind unauffällig. Der Spalt beginnt am weichen Gaumen und reicht mitunter bis in den harten Gaumen.
- Gespaltenes Zäpfchen (Uvula bifida): die mildeste Variante, oft ein Zufallsbefund.
Wie entsteht eine Spaltbildung – und welche Ursachen hat sie?
Die Spaltbildung entsteht sehr früh, etwa zwischen der fünften und zwölften Woche der Schwangerschaft. In dieser Zeit wachsen die Gesichtsfortsätze aufeinander zu und verschmelzen. Bleibt dieser Verschluss aus, verwächst das Gewebe nicht und es entsteht der Spalt – lange bevor die meisten Eltern davon wissen.
Die Ursachen sind multifaktoriell: Meist wirken eine genetisch bedingte Veranlagung und äußere Einflüsse in der Schwangerschaft zusammen. Ein einzelnes genetisch eindeutiges Merkmal gibt es nicht. Als Risikofaktoren gelten Rauchen, Alkohol, Folsäuremangel, bestimmte Medikamente und ein schlecht eingestellter Diabetes der Mutter. Eine klassische Erbkrankheit ist die Spalte nicht, familiäre Häufungen kommen aber vor. Rund 70 Prozent der Spalten treten für sich allein auf, die übrigen im Rahmen von Syndromen mit weiteren Fehlbildungen.
Wichtig für Sie als Eltern: Niemand trägt Schuld – auch bei vorbildlicher Vorsorge kann eine Spalte entstehen.
Wie häufig sind Lippen-Kiefer-Gaumenspalten?
Etwa eines von 500 Neugeborenen kommt mit einer Spalte zur Welt – in Deutschland rund 1.500 Kinder pro Jahr. Damit zählen Lippen-Kiefer-Gaumenspalten zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen überhaupt. Jungen sind von durchgehenden Formen etwas öfter betroffen, eine isolierte Gaumenspalte tritt häufiger bei Mädchen auf.
Lässt sich eine Spalte in der Schwangerschaft im Ultraschall erkennen?
Eine Lippenspalte ist in der Feindiagnostik – der erweiterten Sonografie beim Spezialisten für Gynäkologie – meist ab der 20. Schwangerschaftswoche sichtbar. Eine Spalte im hinteren Bereich des Gaumens bleibt vor der Geburt dagegen oft unentdeckt – sie fällt erst auf, wenn der Säugling beim Trinken keinen Unterdruck aufbauen kann. Das Neugeborene wird deshalb in den ersten Lebenstagen im Mund untersucht. Ein unauffälliger Befund schließt eine Spalte also nicht sicher aus.
Wird vorgeburtlich eine Spalte gesehen, hilft ein frühes Gespräch in einem Spaltzentrum: Dort erfahren Sie, was in den ersten Lebenswochen ansteht und wie Ihr Kind ernährt wird.
Wann wird operiert? Die wichtigsten Behandlungsschritte im Überblick
Die Therapie folgt einem festen Fahrplan, der sich am Wachstum Ihres Kindes orientiert. Die Zeitpunkte unterscheiden sich je nach Zentrum leicht:
- Erste Lebenstage: Anpassung einer Gaumenplatte. Die dünne Kunststoffplatte trennt Mund- und Nasenraum, bringt die Zungenlage in eine günstige Position und erleichtert das Trinken. Die Gaumenplatte wird in den ersten Monaten mehrfach neu angepasst.
- 3. bis 6. Lebensmonat: die erste Operation an der Lippe. Sie stellt Muskulatur, Lippenrot und den Naseneingang wieder her – funktionell wie ästhetisch.
- 9. bis 12. Lebensmonat: Der Gaumen wird verschlossen, damit sich das Sprechen ungestört entwickeln kann. Viele Zentren operieren spätestens mit 12 Monaten.
- Kleinkindalter: Bei wiederkehrenden Mittelohrergüssen sichern Paukenröhrchen das Hörvermögen.
- 8. bis 12. Lebensjahr: Die Kieferspaltosteoplastik schließt den knöchernen Spalt im Oberkiefer mit körpereigenem Knochen aus dem Beckenkamm.
- Nach Abschluss des Wachstums: Bei Bedarf folgen operativ korrigierende Eingriffe an Nase und Lippenrot.
Jede Operation wird chirurgisch genau geplant und in Vollnarkose durchgeführt. Chirurgisch erfahrene Spaltzentren operieren mehrere solcher Fälle pro Woche. Zwischen den Eingriffen liegen bewusst lange, ruhige Phasen.
Sprachtherapie und Hören: Wie lernt mein Kind sprechen?
Der Gaumenverschluss verhindert, dass beim Sprechen Luft durch die Nase entweicht. Viele Kinder brauchen dennoch Unterstützung – meist durch die Logopädie, die oft im zweiten Lebensjahr beginnt und gezielt Laute wie K, G und Sch übt.
Klingt die Stimme dauerhaft näselnd, prüft das Team eine Nasalitätsstörung und behandelt sie gezielt. Ebenso wichtig ist das Gehör, denn die Belüftung des Mittelohrs ist oft gestört. Regelmäßige Hörtests in der Phoniatrie und Pädaudiologie gehören deshalb dazu: Gutes Hören ist die Grundlage einer altersgerechten Sprachentwicklung.
Kieferorthopädie: Was passiert mit den Zähnen im Spaltbereich?
Im Spaltbereich fehlt oft ein Zahn – typischerweise der seitliche Schneidezahn. Andere Zähne stehen seitlich verschoben oder brechen verzögert durch. Deshalb gehört diese Fachrichtung fest zum Plan: Eine erste kieferorthopädische Behandlung formt den Kieferbogen vor dem Knochenaufbau, eine zweite ordnet nach dem Zahnwechsel die bleibenden Zähne. Kieferorthopäden und Chirurgie stimmen sich dabei eng ab.
Zahnlücken im Spaltbereich: Implantat, Brücke oder Lückenschluss?
Ist das Wachstum abgeschlossen, stellt sich die Frage, wie eine verbliebene Zahnlücke versorgt wird. Üblich sind drei Wege: der kieferorthopädisch geführte Lückenschluss, eine Zahnbrücke oder ein Zahnimplantat. Ein Implantat braucht ein stabiles Knochenlager; im Spaltbereich ist dafür häufig ein Knochenaufbau nötig.
Genau hier suchen viele erwachsene Betroffene erfahrene Behandler. Im Netzwerk der Leading Implant Centers finden Sie zertifizierte Implantologinnen und Implantologen, die solche Fälle gemeinsam mit MKG-Chirurgen planen und dabei Funktion und Ästhetik im Blick behalten.
Erwachsene mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte: Was heute noch möglich ist
Viele Betroffene sind längst erwachsen, wenn sie sich das erste Mal selbst um ihre Versorgung kümmern. Die Behandlung ist dann keine Kinderheilkunde mehr, sondern eine Frage von Funktion und Ästhetik – und sie ist in fast allen Punkten noch offen.
- Narbenkorrektur. Feinkorrekturen an Lippenrot, Nasensteg und Nasenflügel sind nach Abschluss des Wachstums möglich. Sie verändern die Narbe nicht grundsätzlich, verbessern aber Symmetrie und Kontur spürbar.
- Kieferverlagerung. Bleibt der Oberkiefer im Wachstum zurück, kann eine kieferorthopädisch vorbereitete Umstellungsosteotomie Biss und Profil korrigieren. Vorbereitet wird sie in der Regel mit einer festen Zahnspange.
- Implantate im Spaltbereich. Fehlt der seitliche Schneidezahn, ist ein Implantat oft die haltbarste Lösung. Voraussetzung ist ausreichend Knochen; wo Metall vermieden werden soll, kommen auch Keramikimplantate infrage.
- Festsitzender Zahnersatz. Sind mehrere Zähne betroffen, plant das Team den Zahnersatz gemeinsam mit der Kieferorthopädie, damit Lückenschluss und Versorgung zusammenpassen.
- Sprache und Hören. Auch im Erwachsenenalter lässt sich an Näseln und Restartikulation logopädisch arbeiten. Wer als Kind viele Mittelohrergüsse hatte, sollte das Gehör regelmäßig kontrollieren lassen.
Wichtig ist die Reihenfolge: Erst steht die Skelettbasis fest, dann folgen Kieferorthopädie und Zahnersatz, zuletzt die ästhetischen Feinheiten. Wer diese Reihenfolge umdreht, bezahlt Korrekturen zweimal.
Sind Lippen-Kiefer-Gaumenspalten eine Behinderung? Wer begleitet unser Kind?
Betreut wird Ihr Kind interdisziplinär. An vielen Kliniken in Deutschland bestehen feste Spaltzentren; federführend ist meist die Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an einem Universitätsklinikum – je nach Haus als Klinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie geführt. Beteiligt sind außerdem Pädiatrie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Zahnmedizin und Psychologie. Das federführende Fachgebiet ist die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie; in der MKG-Chirurgie laufen Operationsplanung, Nachsorge und spätere Korrekturen zusammen.
Eine Spalte allein ist keine Behinderung. Sie ist eine behandelbare Fehlbildung, die Ihr Kind einige Jahre begleitet – nicht ein Leben lang bestimmt. Die allermeisten Betroffenen besuchen Regelschulen, ergreifen jeden Beruf und leben als Erwachsene ohne Einschränkung. Psychologische Begleitung gehört dennoch zum Konzept: Sie fängt Belastungen früh auf, bevor daraus eine psychische Störung wird.
Häufige Fragen zur Lippen-Kiefer-Gaumenspalte
Wann wird eine Spalte operiert?
Der Lippenverschluss erfolgt meist im 3. bis 6. Lebensmonat, der Gaumenverschluss zwischen dem 9. und 12. Lebensmonat. Der knöcherne Kieferbereich folgt zwischen dem 8. und 12. Lebensjahr. Feinkorrekturen sind erst nach der Pubertät sinnvoll.
Sind Lippen-Kiefer-Gaumenspalten vererbbar?
Sie sind keine klassische Erbkrankheit, aber die Veranlagung kann familiär gehäuft auftreten. Ist ein Elternteil oder Geschwisterkind betroffen, liegt das Wiederholungsrisiko höher. Eine humangenetische Beratung schätzt es ein.
Kann ich mein Baby stillen?
Kinder mit einer reinen Lippenspalte können meist gestillt werden. Ist der Gaumenbereich beteiligt, gelingt der Unterdruck oft nicht; dann helfen Spezialsauger, abgepumpte Muttermilch und die Platte. Eine Stillberatung im Spaltzentrum zeigt passende Techniken.
Bleibt eine sichtbare Narbe zurück?
Ja, eine feine Narbe bleibt, sie verblasst über die Jahre aber deutlich. Moderne Techniken legen den Schnitt in die natürlichen Konturen des Lippenrots. Bei Bedarf verfeinert ein späterer Eingriff das Ergebnis.
Ist eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte genetisch bedingt?
Meist wirken mehrere Faktoren zusammen: eine genetische Veranlagung und Einflüsse in den ersten Schwangerschaftswochen wie Rauchen, Alkohol, bestimmte Medikamente oder ein Folsäuremangel. Nur ein kleiner Teil der Spalten gehört zu einem übergeordneten Syndrom. Eine humangenetische Beratung ordnet das individuelle Risiko ein.
Wie viele Operationen sind insgesamt nötig?
Für den Grundverschluss von Lippe, Gaumen und Kiefer sind in der Regel zwei bis drei Eingriffe geplant. Dazu können Korrekturen an Nase, Gaumensegel oder Biss kommen. Wie viele es am Ende werden, hängt von der Spaltform ab – eine reine Lippenspalte braucht deutlich weniger als eine durchgehende beidseitige Spalte.
Können Erwachsene mit einer Spalte ein Implantat bekommen?
Ja. Im Spaltbereich fehlt allerdings häufig Knochen, deshalb geht dem Implantat meist ein Knochenaufbau voraus. Geplant wird das gemeinsam von MKG-Chirurgie, Kieferorthopädie und Implantologie. Entscheidend ist, dass das Wachstum abgeschlossen ist.
Übernimmt die Krankenkasse die Behandlung?
Die medizinisch notwendige Versorgung einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist eine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung – von den Operationen über die Kieferorthopädie bis zur Logopädie. Bei Implantaten und hochwertigem Zahnersatz im Spaltbereich gelten Sonderregelungen; lassen Sie sich vorab einen Heil- und Kostenplan erstellen.
Fachlich geprüft: Dieser Beitrag wurde von einer Fachärztin bzw. einem Facharzt für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie aus dem Netzwerk der Leading Implant Centers auf medizinische Richtigkeit geprüft.
Quellen
- AWMF S3-Leitlinie 007-038 „Therapie der Lippen-Kiefer-Gaumenspalten" – Behandlungszeitpunkte, Therapiestandards, interdisziplinäre Versorgung
- AWMF Patientenleitlinie „Therapie der Lippen-Kiefer-Gaumen-Fehlbildungen" (PDF) – laienverständliche Fassung für Eltern
- Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG): Patienteninformationen – Fachgesellschaft, operative Versorgung
- Selbsthilfevereinigung für Lippen-Gaumen-Fehlbildungen e. V. – Wolfgang-Rosenthal-Gesellschaft – Elternberatung, Selbsthilfe, Informationen zur Fehlbildung
- IQWiG / ThemenCheck Medizin: Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (HTA-Bericht zur NAM-Methode) – Evidenzlage zur präoperativen Kieferorthopädie
- Universitätsklinikum Düsseldorf, Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie: Lippen-Kiefer-Gaumenspalten – Entstehung, Häufigkeit, Behandlungsschritte
- Universitätsklinikum Jena, MKG-Chirurgie: Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten – Spaltformen, Diagnostik, Therapieablauf
- Orphanet: Lippen-Kiefer-Gaumenspalte – Epidemiologie und Klassifikation
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