Thomas hat furchtbare Schmerzen im linken hinteren Backenzahn. Der Zahn muss entfernt werden, unverzüglich. Er geht zu einem “Dentisten”, die Knie schlottern. Denn dieser reißt seinen Kiefer auf, holt eine große silberne Zange hervor und…

Dass Zahnärzte sich direkt ans Werk machen - ohne Betäubung - gehört zum Glück der Vergangenheit an. Diese Geschichte spielt im 19. Jahrhundert. Thomas ist nur eine fiktive Person aus der weltberühmten Erzählung Die Buddenbrooks, eine auf den gesellschaftlichen Abgrund zusteuernde hanseatische Kaufmannsfamilie, verfasst vom Literaturnobelpreisträger Thomas Mann.

eder, der diesen Roman kennt, weiß, dass Thomas diesen Eingriff nicht überlebt. Der Protagonist stirbt aber nicht unbedingt aufgrund der brutalen und fragwürdigen Methode, sondern vielmehr, weil es sich um eine Fehldiagnose handelt - eine Fehldiagnose, die in der Realität leider immer noch gestellt wird. Deshalb nennt man dieses medizinische Phänomen im deutschen Sprachraum auch das “Budenbrook-Syndrom”: Der Zahnarzt sieht den Ausgang des Schmerzes fälschlicherweise im hinteren Backenzahn. So beschreibt es schließlich auch der Patient. Dabei kann der Backenzahn völlig gesund sein. Die Ursache liegt ganz woanders. Die zahnmedizinischen Beschwerden werden tatsächlich vom Herzen hervorgerufen und können auf einen Herzinfarkt hindeuten.

Man vermutet übrigens, dass Thomas Mann - der seine eigenen Krankheiten immer wieder in seinen Romanen als Inspirationsquelle nimmt - die eigene koronare Gefäßerkrankung literarisch verarbeitet. Auch er litt unter vom Herzen ausgehenden Schmerzen, mit denen er sich Zeit seines Lebens auseinandersetzen musste.

Dennoch, das Buddenbrook-Syndrom ist kein neues Phänomen aus dem 19. Jahrhundert. Es ist auch unter dem medizinischen Fachausdruck Angina pectoris bekannt (finden Sie hier passende Fachärzte, die sich damit auskennen). Historischen Quellen zufolge wurde der Zusammenhang zwischen einer Herzerkrankung und Zahnschmerzen bereits in der Antike beschrieben. Die Ärzte Herophilos von Chalkedon und Herakleides von Tarent (um 75 v. Chr.) etwa wiesen auf die Sterberisiken hin, die eine Extraktion (Entfernung) des hinteren Backenzahns bewirken könnte.

Dabei handelt es sich um eine plötzlich auftretende Durchblutungsstörung des Herzens, die in der Regel auf eine Engstelle des Gefäßes hindeutet. Tritt dies auf, sollte man schnell handeln, da sie ein Anzeichen für eine akute Koronarinsuffizienz darstellt. Hierbei entsteht ein Missverhältnis zwischen dem Sauerstoffbedarf der Herzmuskels bzw. des -gewebes und dem Sauerstoffgehaltes im Blut. Die Ursache dafür kann zum Beispiel auch ein hoher Blutverlust sein - den Thomas Buddenbrook mit Sicherheit hatte, als er die Zahnarztpraxis wieder verlassen hat - oder eben auch größere körperliche Anstrengungen, die auf das Herz schlagen.

Eine akute Koronarinsuffizienz kann eben auch einen Herzinfarkt hervorrufen, so dass bei Schmerzen im linken Backenzahn sämtliche Signalglocken ertönen sollten. Nicht immer ist der Zahn schuld.

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